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Beratungsstelle an der Waldparkschule – ein Modellprojekt an der Schnittstelle von Schule Jugendhilfe und Psychotherapie

Die Stadt Heidelberg hat seit 2001 in einem Modellversuch an 10 städtischen Hauptschulen notwendige Stützsysteme in Form der Schulsozialarbeit installiert, eines davon an der Waldparkschule, einer Hauptschule im sozialen Brennpunktgebiet.

Die dortigen SchülerInnen stellten mit ihren Problemlagen alsbald besondere Anforderungen an die Schulsozialarbeit, die langfristig einen drängenden erweiterten Hilfebedarf implizierten.

„46 Prozent der HauptschülerInnen benötigen besondere pädagogische Maßnahmen, da sie sich distanzlos, respektlos, frech, unverschämt, interesselos, antriebslos, beziehungsunfähig, gewaltgewohnt und im Hinblick auf jegliche Form der Absprache unzuverlässig verhalten. Sie sind nicht gruppenfähig, können sich nicht einordnen und sind in einer Gruppe von 20 Schülern überfordert.“, so das Zitat des Rektors anlässlich einer Controllingkonferenz an der Waldparkschule im Mai 2005.

Vor diesem Hintergrund entstand das Projekt „Beratung an der Waldparkschule“, mit dem unser Institut von der Stadt Heidelberg betraut wurde. Ein erstes Gespräch fand diesbezüglich im Juli 2003 statt. Hier wurde ein niederschwelliges Beratungsangebot entworfen, das sich direkt vor Ort an der Waldparkschule (WPS) etablieren sollte.

Die WPS ist eine zweizügige Grund- und Hauptschule. Durch eine Vielzahl von Angeboten im Freizeit- und Förderbereich bietet sie einen annähernden Ganztagesbetrieb für die ca. 350 SchülerInnen, die von rund 30 Lehrern unterrichtet und betreut werden. An diesem „multikulturellen Schauplatz“ tummeln sich derzeit 25 Nationen.

Unsere Mitarbeiterin Frau Licht-Schauer bietet dort nun seit September 2004 in enger Kooperation mit den Fachkräften der Schulsozialarbeit und den LehrerInnen einmal pro Woche umfassende Beratungs- und Unterstützungsangebote an, die auf dem Boden unseres analytischen Verständnisses ein breites Spektrum an psychodynamisch orientierter Diagnostik und Beratung beinhalten:

Die diagnostische Tätigkeit bezieht sich sowohl auf generelle Hilfebedarfseinschätzungen mit entsprechender Beteiligung an Hilfeplanverfahren als auch auf die individuelle Leistungs- und Psychodiagnostik zur gezielten Unterstützung und Förderung einzelner Schüler bzw. zur Indikationsklärung hinsichtlich der Einleitung notwendiger sozialpädagogischer und/oder therapeutischer Hilfemaßnahmen.

In der angebotenen Beratung können SchülerInnen, Eltern sowie LehrerInnen die Möglichkeit wahrnehmen, ihre Schwierigkeiten und Probleme in einem geschützten Rahmen zu besprechen und Konfliktlösungsmöglichkeiten zu entwickeln. (Es besteht Schweigepflicht.) Neben der Möglichkeit zur eigenen Psychohygiene können LehrerInnen das Angebot der Supervision und Begleitung wahrnehmen, um Unterstützung im Umgang mit problematischen SchülerInnen und/oder in schwierigen Elterngesprächen zu erfahren.  Gegebenenfalls wird die Hospitation der Beraterin im konkreten Unterrichts- und Klassengeschehen erforderlich. Ein unabdingbarer Bestandteil der Arbeit im Beratungsprojekt bildet die Krisenintervention.

Darüber hinaus ist die interdisziplinäre Vernetzung und Zusammenarbeit mit den Vertretern weiterer Kooperationspartner von zentraler Bedeutung. Hierzu gehört die Zusammenarbeit und der Austausch mit dem ASD der Stadt Heidelberg, der Kernzeitbetreuung von Päd-aktiv, dem HPGA des Friedrichstiftes, der sozialpädagogischen Gruppenarbeit an der Grundschule im Emmertsgrund und mit Kinderärzten und der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Heidelberg.

Fallvignette:

Zu den in der Beratungsstelle betreuten SchülerInnen gehörte u.a. die 13-jährige Lena.

Das Mädchen war vor einigen Jahren mit seinen Eltern aus Osteuropa nach Heidelberg gekommen. Seit geraumer Zeit fiel Lena bereits durch unkonzentriertes, aggressives und distanzloses Verhalten in der Schule auf. Nun nahm sie nur noch unregelmäßig am Unterricht teil und hatte etliche Fehlzeiten aufzuweisen.

Die Klassenlehrerin und der Schulsozialarbeiter vermuteten hinter Lenas Verhalten tiefgreifende Entwicklungsprobleme und familiäre Schwierigkeiten.

Hier wurde nun die Beratungsstelle tätig. Das Vertrauen des Mädchens und seiner Mutter zu gewinnen, war vorrangiges Ziel. Unter dieser Voraussetzung waren in der folgenden differenzierten Diagnostik die zentralen Ursachen der Problematik ausfindig  zu machen, so dass in einem weiteren Schritt gezielte Unterstützungsmaßnahmen eingeleitet werden konnten:

Die tiefenpsychologische Diagnostik zeigte ein Mädchen, das sich einerseits sehr wohl an Regeln halten wollte, und durchaus bereit war, hohe Anstrengungen auf sich zu nehmen. Die Schule gut zu bewältigen, war ihr inniger Wunsch. Andererseits ließen sich erhebliche strukturelle Schwächen eruieren, die vor allem in Lenas Selbst- und Fremdwahrnehmung deutlich wurden. Zentral trat eine problematische Realitätswahrnehmung des Mädchens in Erscheinung, die sich entsprechend hinderlich und in zunehmendem Maße auf die Bewältigung von Anforderungen sowohl intellektueller als auch sozialer Art auswirkte.

Lenas Biographie zeichnete bislang die Spuren eines äußerst belasteten Geworden-Seins: Migration, Trennung der Eltern, die Existenz eines behinderten Bruders und erlittene Gewalterfahrungen.

Die Mutter selbst war mit der Daseinsgestaltung im familiären Lebensgefüge maßlos  überfordert, so dass ihre Tochter früh und häufig sich selbst überlassen blieb. Eine haltgebende Struktur, die sie hätte verinnerlichen können, wurde Lena in der Vergangenheit nur unzureichend zuteil. Dies ließ nun im Zuge wachsender Anforderungen und angesichts adoleszenter Entwicklungsprozesse eine ausreichend sichere und altersadäquate „innere Struktur“ des Mädchens vermissen.

Mit Unterstützung des Schulsozialarbeiters wurde im Beratungskontext mit Lena und der Mutter nach Wegen und Möglichkeiten gesucht, innerhalb derer das Mädchen über  „äußere Strukturen“ langfristig eine stabilere  „innere Struktur“ aufbauen kann.

Eine Einzeltherapie könnte dies alleinig nicht leisten, da von einer Umstellungsfähigkeit und günstigen Veränderung im therapeutischen Kontext nur ausgegangen werden kann, wenn stützende äußere Bedingungen bereitgestellt werden und gewährleistet sind.

Mittlerweile ist eine teilstationäre Unterbringung von Lena im nahegelegenen Heilpädagogischen Hort beantragt und daneben wird die Gewährung einer strukturbezogenen Psychotherapie für das Mädchen erwartet . . . in der Hoffnung, dass Lena hierüber einen „inneren Halt“ finden und an der Schule und in ihrer Familie verbleiben kann.

Frau Licht-Schauer zieht nach zwei Jahren „Beratungsprojekt“ folgende Bilanz:

Meine Arbeit an der Waldparkschule unterlag und unterliegt kontinuierlichen Veränderungsprozessen. Beispielsweise fanden das Aufgabengebiet und die Zielgruppe der „Beratungsstelle an der Waldparkschule“ Ausweitung durch die Stadt Heidelberg. Dies erforderte eine permanente Kooperation und Vernetzung mit Schulleitung und Schulsozialarbeit. Tätigkeitsfelder und Zuständigkeiten bedurften einer immerwährenden Um- und Neugestaltung.

Zu Beginn bezog sich die Arbeit vornehmlich auf den Hauptschulbereich, derzeit werden verstärkt Klienten aus der Grundschule betreut. Dies hängt zum einen mit der Ausweitung des Modellprojektes Schulsozialarbeit seitens der Stadt auf diesen Bereich zusammen. Zum anderen trägt dies den veränderten Familienstrukturen auf dem Boxberg Rechnung und einen erweiterten Hilfebedarf implizieren.

Immer häufiger nutzen Lehrer das Angebot, in einem geschützten Rahmen ihre Sorgen bzw. ihre Schwierigkeiten mit einem Schüler besprechen zu können.

Sehr konstruktiv erwies sich die Kooperation mit der Schulsozialarbeit, den im Stadtteil tätigen verschiedenen Anbietern der freien Jugendhilfe und des Jugendamtes. Die kurzen Wege lasen einen unbürokratischen Informationsaustausch zu, so dass schnelle, konstruktive und oftmals kreative Interventionen möglich sind, um günstigere Entwicklungsbedingungen für die entsprechenden Schüler zu schaffen (beispielsweise Kernzeitbetreuung, SPFH oder teilstationäre Hilfen…).

2006 kam es neben den schon laufenden Beratungen zu 17 Erstvorstellungen.

Drei der Familien, die im Beratungsprojekt an der WPS vorstellig wurden, konnten den Weg an unser Institut in der Posseltstraße finden und werden hier im Kontext von Beratung und Therapie kontinuierlich und langfristig betreut. 4 weitere Kinder konnten über die Diagnostik an niedergelassene Therapeuten (Ergotherapie, Logopädie) überwiesen werden.

Die Erstkontakte in der Beratungsstelle waren vorrangig über die Schulsozialarbeit bzw. das Lehrerkollegium vermittelt. Selten erfolgte bisher eine direkte Kontaktaufnahme durch die SchülerInnen. Da die SchülerInnen/Familien in der Regel schon eine „Fallgeschichte“ vorzuweisen haben und der Erstkontakt meist im „Zwangskontext“ erfolgte, war häufig ein spürbares Ressentiment der Klienten im Beratungskontext vorhanden. In diesem Sinne war vor allem meine Anfangsphase in hohem Maße durch den Abbau von Schwellenängsten geprägt. Es fielen Sprüche, wie z.B.: „Die Psycho!“ -  „Ich geh’dort nicht hin, ich bin doch nicht verrückt!“ – „ . . . da geh’ ich lieber gleich nach Wiesloch!“.

Doch nicht nur Schüler und Eltern, sondern auch Teile des Lehrerkollegiums standen dem Projekt zunächst etwas misstrauisch gegenüber. Es dauerte geraume Zeit, bis auch hier eine gewisse Sorge und verständliche Skepsis der Wahrnehmung weichen konnte, dass in der Beratungsstelle Unterstützung und Hilfe zu finden ist.

Die Arbeit mit den SchülerInnen gestaltete sich bislang sehr vielschichtig und nicht selten äußerst schwierig. ANNA FREUD hat in ihrer Schrift „Psychoanalyse für Pädagogen“ bereits 1927 sehr treffend einen der hier entscheidenden Sachverhalte dargestellt: Es sei  häufig die soziale Umwelt (Schule, Mitschüler, Lehrer), die an dem Patienten leiden – die Kinder selbst verspürten subjektiv kein Leiden, von dem sie geheilt werden möchten. Für sie sind es die Anderen, die ihnen ein Leid zufügen. Mit solchen Patienten ohne Krankheitsmotivation und Leidensdruck sei es schwierig, ein Arbeitsbündnis zu schaffen.

In der Tat bedarf es eines „langen Atems“; viel Zeit und Geduld ist aufzubringen, um günstigstenfalls eine Art Arbeitsbündnis zu schaffen und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Die Beratung findet meist im Kontext von „Sanktion“ statt, was die Arbeit deutlich erschwert. Meist entscheidet sich im Erstkontakt, ob ein Zugang zum Schüler/zur Familie zu gewinnen ist, ob ich mich einschwingen kann und mein Gegenüber sich verstanden fühlt. Gelingt dies, so kommt es durchaus zu einem weiteren freiwilligen Kontakt.

Gleichsam schwierig wie spannend erlebe ich das Kennenlernen verschiedenster Nationen und die Auseinandersetzung mit zahlreichen Kulturen. Hier bin ich mehr oder weniger stark aufgefordert, mich von meiner eigenen kulturellen Prägung und Identität gewissermaßen zu „entleeren“, damit eine Umdenken und Einsteigen in mental andere und fremde „psychische Sphären“ möglich wird – denn hier entscheidet sich das Gelingen des weiteren Kontaktes in fundamentaler Weise.

Trotz vielfältigster Anforderungen und Schwierigkeiten möchte ich meine Arbeit im Beratungsprojekt nicht missen. Ich habe enorm viel gelernt, lerne immer noch und sehe mich vor weitere spannende Herausforderungen gestellt.

Ein großer Dank gebührt meiner Supervisorin Frau Horn, die mir immer wieder die Realität vor Augen führt, mich die Grenzen und Möglichkeiten meiner Arbeit an der Waldparkschule lehrt und mich in jeglicher Hinsicht ermutigt und unterstützt.

Ebenso möchte ich mich für die gelungene Zusammenarbeit bei Herrn Imbs (Schulsozialarbeiter) bedanken sowie bei der Schulleitung und den LehrerInnen, die mir sehr viel Vertrauen entgegengebracht haben.


 
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