Aufsuchende Familientherapie (AFT)
Die Aufsuchende Familientherapie (AFT) gewinnt als weiter entwickelte und spezifische Form der Familientherapie mit Multiproblemfamilien in der Jugendhilfe zunehmend an Bedeutung.
Der Zugang zu Familien in ihrem Lebensumfeld bietet vielfältige Chancen, Veränderungsprozesse innerhalb der bestehenden familiären Strukturen auf den Weg zu bringen, erwünschte Entwicklungen zu nutzen und konstruktive Problemlösungen zu erarbeiten. So sollen die einzelnen Familienmitglieder in die Lage versetzt werden, neue Perspektiven einzunehmen und mit den daraus resultierenden neuen Haltungen und Einstellungen bestehende Probleme anzugehen und sie besser lösen zu können.
Seit Herbst 2004 bietet das Institut AFT für Familien an, in denen Eltern die Erziehungskompetenz zu entgleiten droht, bei denen Heimunterbringung für die Heranwachsenden droht, sowie bei Auffälligkeiten der Heranwachsenden mit begleitender psychischer Symptomatik, bei denen ein familiendynamischer Aspekt von besonderer Relevanz ist.
Zwei MitarbeiterInnen des Institutes führen derzeit die AFT durch, die sich über einen Zeitraum von etwa 3 Monaten erstreckt, bei einer durchschnittlichen Frequenz von einer Sitzung pro Woche. Dabei wird nach analytisch-systemischem Konzept gearbeitet, d.h. einen wesentlichen Schwerpunkt des methodischen Vorgehens bilden ressourcenorientierte Interventionen vor dem Hintergrund psychodynamischen Verstehens. Beantragung und Finanzierung der AFT erfolgt über die Jugendhilfe.
Fallvignette
Aufgrund einer Empfehlung seitens der Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg an das Jugendamt innerhalb der Familie A eine AFT zu installieren, wurde im Februar 2006 diese aufgenommen.
Die 14jährige Tochter B war auffällig geworden, da es zwischen ihr und ihrer Stiefmutter immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen kam, innerhalb derer sie sich gegenüber deren Übergriffen zur Wehr zu setzen versuchte. So kam es immer wieder zu tätlichen Auseinandersetzungen, z.B. nachdem B ihr Zimmer von der Stiefmutter durchsucht vorfand. Die Einflussmöglichkeiten des leiblichen Vaters stießen rasch an ihre Grenzen, sodass die familiäre Situation zu eskalieren drohte. Um eine Heimunterbringung zu verhindern und die Familiäre Konfliktsituation zu bearbeiten, wurden wöchentliche Treffen mit der Familie eingerichtet.
Im Verlauf der ersten Sitzungen konnten sich die Familienmitglieder nur streckenweise auf die Konfliktthemen einlassen; zunächst konnten nur in begrenztem Umfang innerfamiliäre Veränderungen erarbeitet werden, da eigene Anteile am Konfliktgeschehen meist auf andere Familienmitglieder projiziert blieben oder somatisch verarbeitet wurden.
Im Sinne eines dem Entwicklungsniveau des Klientensystems angemessenen Umfangs (Fürstenau) wurden daher erst einmal im Kompetenzbereich der Familie liegende, konkrete und situationsspezifische Ziele erarbeitet, die handlungsnah und interaktionell beobachtbar waren.
Im weiteren Verlauf der AFT wurde deutlich, dass die Tochter B zwar Index-Patient der Familie war, ihre lärmende Symptomatik jedoch Ausdruck des interpersonellen Familien- bzw. Paarkonfliktes war und Bs Wutausbrüche auch als nachvollziehbare Reaktionen auf Ausstoßimpulse des neu hinzugekommenen Elternteils zu verstehen waren.
Die in den Raum gestellte Ergebnisoffenheit bzw. Veränderungsneutralität (Stierlin / Retzer) ermöglichte allmähliche Aufweichungen der Perspektiven der Familienmitglieder. Die Ambivalenz im Familiengefüge konnte mit der Zeit wahrgenommen und konstruktiv genutzt werden, sodass ein manifester Trennungswunsch des Paares deutlich wurde und die Trennung zum Sommer in die Tat umgesetzt wurde. Bs Symptome kamen sch zum Abklingen.
Die Familienmitglieder beschreiben den Verlauf retrospektiv klar als Entlastung und Lösung einer „eigentlich unhaltbaren“ Situation und haben mittlerweile Ressourcen aktiviert und neue Lebensperspektiven entwickelt.
