Legasthenie- und Dyskalkulie-Therapie
„Maschine sollte man mit ‚ie’ schreiben!"
„Meine 10-jährige Tochter will oft nicht mehr leben!“, berichtet mir die hoch besorgte Mutter in unserem telefonischen Erstkontakt. Hanna ist in der 4. Klasse einer Grundschule und schlägt sich täglich mit großen Problemen beim Lesen, Schreiben und Rechnen herum. Selten ist eine Note im Diktat oder in der Mathearbeit besser als 5, obwohl sie sonst eine gute Schülerin ist. Mittlerweile ist das Mädchen völlig entmutigt. Die Eltern, die selber große Schwierigkeiten in der Schule hatten, können ihr nicht helfen. Doch auch Eltern mit guter Schulkarriere stünden dieser Lernproblematik durchaus verständnislos gegenüber. Denn Hanna hat es besonders schwer getroffen; sie leidet sowohl an Legasthenie (Lese-/Rechtschreibschwäche) als auch an Dyskalkulie (Rechenschwäche).
Der Begriff Legasthenie umfasst ein komplexes Erscheinungsbild, in welchem sich Fehlerqualitäten und -häufungen verschiedenster Ursache finden lassen:
Phänomenologische Fehlerregistrierungen machen sich z.B. im Auslassen, Hinzufügen, Ersetzen oder Umstellen von Lauten bzw. Silben oder Wörtern bemerkbar. Aber auch Merk-, Wahrnehmungs- und Regelfehler können die Lernproblematik bestimmen. Zudem spielen mitunter verschiedene Impulsivitätsformen des Kindes eine zentrale Rolle, wie Sprachimpulsivität (Poltern) oder Lese- und Schreibimpulsivität, die das Kind ungesteuert Laut-, Silben- oder Wortgestalten produzieren lassen.
Die Ursachen einer Dyskalkulie sind nicht minder vielfältig und müssen differenzialdiagnostisch untersucht werden.
Da Hannas Schulleistungen stark auseinander klaffen und sie deutlich unter ihren Lernschwierigkeiten leidet, rate ich der Familie, sich zunächst an das Jugendamt zu wenden. Dort kann die Kostenübernahme einer entsprechenden Lerntherapie beantragt werden. Als Grundlage benötigt das Jugendamt ein unabhängiges Gutachten, das entweder vom Gesundheitsamt, von zuständigen Ambulanzen kinder- und jugendpsychiatrischer Kliniken oder von niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiatern erstellt werden kann. (Jeweils beim zuständigen Jugendamt zu erfragen! ).
Ich bereite die Mutter darauf vor, dass es für die Begutachtung zum Teil lange Wartezeiten gibt. Diese Familie hat Glück; die Mutter hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihrer Tochter schnell zu helfen. Auch das Jugendamt zeigt sich hier kooperativ und beeilt sich mit der Bewilligung. Einen Platz hat sich die Mutter bei uns bereits im Vorfeld reserviert, Hannas 2-stündige Lerntherapie kann zügig begonnen werden.
Aufgrund einer zusätzlichen und individuellen Differenzialdiagnostik erstelle ich eine speziell auf Hanna ausgerichtete methodisch-didaktische Lernstrategie für beide Problembereiche. Hanna nimmt das Angebot gerne an und arbeitet nach ersten kleineren Erfolgen eifrig mit. Ihre Stimmungslage ändert sich deutlich, sie schöpft neues Selbstvertrauen und kann bald mit ihren Schwächen humorvoll umgehen: „Maschine sollte man mit ‚ie’ schreiben!“, lacht sie ausgelassen, während sie - wegen ihrer motorischen Unruhe auf dem Gymnastikball sitzend - hin und her wankt und lernt.
