Nicht alles wächst sich aus. In welchen Situationen können wir helfen?
von Susanne Bay
Wo es Entwicklung gibt, gibt es auch Hindernisse und Krisen, welche den Entwicklungsprozeß zum Stocken zu bringen vermögen und die es daher zu überwinden gilt. So ist auch das Heranwachsen von Kindern und Jugendlichen von einem Auf und Ab geprägt, von einer gewissen Anfälligkeit für Störungen, die nun einmal zur kindlichen Entwicklung dazu gehört. Dabei ist es verständlich, daß sich Eltern durch anhaltende Schwierigkeiten irritiert fühlen können oder daß Erzieher, Lehrer oder Ärzte auf Besonderheiten aufmerksam werden, denen es nachzugehen lohnt.
Es können äußere oder innere Erfahrungen sein, welche zu einer Störung oder Krise führen können. So kann die Geburt eines Geschwisterchens das bisherige Gleichgewicht im Zusammenleben einer Familie und im Erleben eines Kindes durcheinanderbringen. Dasselbe gilt für Ereignisse wie Krankheit, Tod, Ortswechsel, Krisen der Eltern, welche mit verstärkter Belastung einhergehen und nicht selten Trennung und Verlust des einen oder anderen Elternteils zur Folge haben können. Das Kind macht darüber seine ganz persönlichen Vorstellungen, d. h. es bildet Phantasien über das verletzende Ereignis heraus, welche oftmals zu einer noch sehr viel größeren Beunruhigung des Kindes führen als das Ereignis selbst. Mitunter ist es damit innerlich in einem Maße beschäftigt, daß es den sonstigen alltäglichen Anforderungen nicht mehr gerecht werden kann. Auf diese Weise kann die Art der inneren Verarbeitung äußerer Erfahrungen zu einer Blockierung der Entwicklung und damit zur eigentlichen Störung führen.
Die unvermeidlich anstehenden psychischen Entwicklungsschritte, die an äußeren Stationen sichtbar werden, wie Eintritt in den Kindergarten, Schule, Schulwechsel, Pubertät bis hin zum Auszug aus dem Elternhaus, setzen - um erfolgreich bewältigt zu werden - eine innere Reifung voraus, d.h. daß das Kind die altersspezifischen inneren Konflikte in ausreichendem Maß bewältigt haben sollte. Wir denken hier z.B. daran, inwieweit ein Kind die aus der oralen Phase stammenden Konflikte zwischen Versogt-werden-wollen und Selbständig-sein-wollen, die für die anale Phase spezifischen Konflikte zwischen Gehorchen-müssen und Bestimmen-wollen oder die der ödipalen Stufe zugehörigen zwischen Liebe und Haß gemeistert hat. Ist ein Kind soweit gereift, daß es diese inneren Spannungen aushalten und für seine Entwicklung nutzbar machen kann, dann ist es innerlich gut vorbereitet für die Bewältigung der äußeren Stationen, weil diese immer wieder erforderlich machen, sich aus Gewohntem zu lösen und Neues wagen zu können.
Nicht immer gelingt es dem Kind oder Jugendlichen, sein seelisches Gleichgewicht im Zuge der vielfältigen Hürden in zufrieden stellender Weise wieder zu finden. Oder anders gesprochen: Nicht alles wächst sich von alleine aus. Wenn sich Krisen verfestigen und blockieren, wenn Verstimmungen, Ängste oder Rückzug anhalten, sich die üblichen Probleme ausweiten, sich Auffälligkeiten in Kindergarten, Schule und sozialem Umfeld verstärken, sich Krankheit und psychosomatische Symptome einstellen, dann machen sich Eltern und andere mit der Entwicklung von Kinder und Jugendlichen betraute Personen mit Recht Sorgen. Dann ist es wichtig, nicht länger abzuwarten und sich Hilfe suchend an Fachleute zu wenden.
Einige Beispiele*:
Die 4jährige Jessica wehrt sich jeden Morgen aufs Neue, wenn sie in den Kindergarten soll. Dort weigert sie sich, mit anderen Kindern zu spielen. Statt dessen zieht sie sich alleine in eine Kuschelecke zurück oder sie malt. Wird sie von Kindern angesprochen, wendet sie sich ab, so daß sie mittlerweile links liegengelassen wird.
Der 11jährige Markus näßt nachts immer noch ein. In der Schule fällt er durch Kaspereien und sonstige Imponierversuche auf, was ihm inzwischen nur noch Ablehnung, Kritik und Schläge auf dem Nachhauseweg einbringt. Zuhause mit seiner Mutter gibt es endlose, zermürbende Auseinandersetzungen.
Die 9jährige Anja gilt in der Schule als stilles, ängstliches Mädchen. Seit der Trennung ihrer Eltern vor 2 Jahren zeigt sie sich gegenüber ihrer Mutter zumeist trotzig-abgewandt - hält sich an keinerlei Vereinbarungen. Dazwischen liebkost sie ihre Mutter und macht Versprechungen, ab sofort zugänglicher zu sein, an die sie sich nicht halten kann.
Der 1jährige Sven schreit nachts oft stundenlang und bringt damit die hilflosen Eltern zur Verzweiflung. Eine ärztliche Untersuchung hat kein Ergebnis gebracht.
Der 15jährige Thorsten stiehlt zu Hause zunehmend größere Geldbeträge, so daß die Eltern mittlerweile sogar nachts Zimmer abschließen, um ihn - vergeblich - daran zu hindern. Seine Freizeit verbringt er ausschließlich außerhalb mit Gleichaltrigen, da er sich zu Hause nur unwohl und als Schuldenbock diskriminiert fühle.
Die 12jährige Michaela ekelt sich seit 1 Jahr vor ihren Fäkalien und putzt sich den Po nicht mehr ab, um nicht damit in Berührung zu kommen.
Die 16jährige Maren hat drastische Gewichtsverluste zu verbuchen, seit sie nur noch minimal Nahrung zu sich nimmt. Trotz mittlerweile erheblichen Untergewichts erklärt sie den beunruhigten Eltern, sie wolle noch weiter abnehmen, da sie zu dick sei.
Der 15jährige Lukas hat sich völlig zurückgezogen und sitzt zu Hause apathisch und grübelnd in seinem Zimmer, nachdem er vor einem 1/2 Jahr registriert hat, daß eine von ihm "angebetene" Klassenkameradin keinerlei Interesse an ihm hat.
(* Namen geändert)

